

Der Stein des Anstoßes für diesen Text war eine aktuelle Nachricht, bei der ich mich im ersten Moment – ich gebe es offen zu – fast ein bisschen diebisch gefreut habe: Der Entwickler Brandon Thomas hat mithilfe von Künstlicher Intelligenz die Adobe-Produktpalette nachgebaut und bietet diese Klone nun kostenlos als Open-Source-Software an.
Mein erster Gedanke war: Holen wir uns die Macht zurück?
Wer schon etwas länger in der Kreativbranche arbeitet, kennt diese Dynamik. Früher, zu Beginn meiner Laufbahn, habe ich meine Layouts und Designs auf von CD gebrannten Raubkopien gebaut. Das war die klassische Software-Piraterie von unten nach oben – als Studentin fehlte mir schlicht das Budget für teure Lizenzen. Inzwischen zahle ich seit Jahren brav mein monatliches Adobe-Abo. Und plötzlich kommt jemand und hebelt dieses mächtige Abo-Modell mit einem KI-Klon aus.
Doch dieser vermeintliche Robin-Hood-Moment lenkt von einem viel größeren Problem ab. Wenn wir uns ansehen, wie diese KI-Modelleüberhaupt erst so mächtig wurden, drängt sich unweigerlich die Frage auf:
Wer klaut hier eigentlich von wem?

Der unsichtbare Diebstahl: Wie KI-Modelle "lernen"
Wir alle vergessen gerne : Künstliche Intelligenz erschafft nicht aus dem Nichts. Hinter jedem Code-Schnipsel füreinen Software-Klon und hinter jedem brillanten Bild aus einem Text-Prompt steckt eine gigantische statistische Maschine. Das Problem dabei ist der Rohstoff.
Diese Modelle wurden mit unserem intellektuellenEigentum gefüttert. Illustrationen, Fotografien, literarische Texte, Designs und Musik von Millionen echter Menschen wurden systematisch"gescraped" – ohne unser Wissen, ohne unsere Zustimmung und vor allem ohne jede Vergütung.
Besonders bitter ist dabei der Blick auf die Geschäftsmodelle der Big Player: KI-Firmen nutzen geschütztes Material als kostenlosen Trainingsrohstoff, verpacken unser kollektives Wissen in Algorithmen und verkaufen den Zugang dann als teures monatliches Abo. Die ursprünglichen Urheber, deren Arbeiten das System überhaupt erst wertvoll und funktionsfähig gemacht haben, gehen komplett leer aus. Die Vorzeichen der Piraterie haben sich umgekehrt: Heute kopieren die Milliarden-Konzerne massenhaft die Werke von Einzelnen.

Lange Zeit haben sich Tech-Giganten wie OpenAI, Chat GPT oder Midjourney auf rechtliche Grauzonen berufen – allen voran das amerikanische "Fair Use"- Prinzip. Man argumentierte, das massenhafte Einlesen von Daten sei ein legitimer Forschungszweck. Doch dieses Schutzschild bröckelt massiv. Das Urheberrecht formiert sich zurzeit zur größten Bedrohung für den ungebremsten KI-Goldrausch, und die Klagewelle rollt durch alle kreativen Disziplinen: Trotzdem ist der juristische Kampf brutal unfair verteilt.
Wenn man sich die aktuelle Klagewelle ansieht, fällt eines sofort auf:
Es sind fast ausschließlich die großen Player, die sich überhaupt zur Wehr setzen können. Die New York Times verklagt OpenAI und Microsoft (Quelle: Golem.de), die Bildagentur Getty Images klagt gegen Stability AI (Quelle: DAJV), und riesige Musiklabels und die GEMA zerren KI-Musikgeneratoren vor Gericht (Quelle: GEMA).
Wir Einzelpersonen haben gegen die Tech-Milliardäre finanziell schlicht keine Chance. Für freie Künstler, Illustratoren oder Designer ist ein jahrelanger, millionenschwerer Urheberrechtsprozess unmöglich. Wir müssen ohnmächtig zusehen, wie unsere Werke eingefüttert und unsere persönlichen Stile imitiert werden. Ein traurig-prominentes Beispiel dafür ist der polnische Digitalkünstler Greg Rutkowski. Sein Fantasy-Stil wurde von der Community derart systematisch in KI-Bildgeneratoren kopiert, dass sein Name in Programmen wie Stable Diffusion rund 100.000 Mal als Prompt (wie etwa "im Stil von Greg Rutkowski") eingegeben wurde. Zwar haben sich mittlerweile mutige Einzelkünstlerinnen wie Sarah Andersen, Kelly McKernan und Karla Ortiz in den USA zu einer Sammelklage gegen Midjourney und Co. zusammengeschlossen – doch der David-gegen-Goliath-Kampf ist für Einzelne extrem zermürbend (Quelle: Spiegel).
Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück: den KI-generierten Adobe-Klonen von Brandon Thomas. Holt Thomas mit seinen Open-Source-Kopien nicht einfach etwas zurück, was uns im Grunde - wenigstens teilweise - selbst gehört?
In dieser neuen Ära verschwimmen die Grenzen zwischen den Beraubten und den Räubern zunehmend. Ein perfektes Beispiel für diese Absurdität ist Getty Images: Die Bildagentur führt zwar einerseits einen gewaltigen Urheberrechts-Kreuzzug gegen das KI-Training von Stability AI, bietet aber andererseits selbst fleißig KI-generierte Bilder auf der eigenen Plattform zur Lizenzierung an. Die moralische Empörung der Konzerne greift oft nur exakt so weit, wie es den eigenen Geschäftsinteressen dient.
Wie die eigentlichen Tech-Giganten – allen voran Adobe und Microsoft – auf diese wachsende Open-Source-Rebellion aus der Community und die tickenden juristischen Zeitbomben der Urheberrechtsklagen reagieren werden, ist jetzt die spannendste Frage der kommenden Monate.
Wir Kreativen stecken mitten in der Neuaushandlung unseres eigenen Wertes – und müssen aufpassen, dass wir am Ende nicht die Einzigen sind, die die Zeche für diesen digitalen Goldrausch zahlen.

